netkiosk.digital

Wo Meinungen aufeinander treffen

Der Landkreis Altenkirchen III

Autor, Sprecher und Technik, Gestaltung

Thorsten Siefert

Episodenbild

Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

Es gilt das gesprochene Wort

Am 19. Februar 2026 verรถffentlichte die Rhein-Zeitung einen Artikel mit der รœberschrift โ€žImmer mehr Schรผler im AK-Land mit brauner Haltungโ€œ. AK-Land ist die Bezeichnung fรผr den im ersten Beitrag ausfรผhrlich vorgestellten Landkreis Altenkirchen. Im dritten Teil unseres Wochenschwerpunkts beschรคftigen wir uns mit โ€žHaltung zeigen in der Schuleโ€œ. Oft unterschรคtzt ist nicht die abstrakte Frage, ob Lehrkrรคfte Haltung zeigen dรผrfen โ€“ sondern wie verhindert werden kann, dass sie dabei vereinzelt werden.

Im Text, der die Lage im Kreis Altenkirchen beschreibt, fรคllt ein Satz, der hรคngen bleibt: Lehrkrรคfte sehen sich โ€žzunehmend mit Drohkulissen wie Sammlungen und sogenannten Meldeportalen konfrontiertโ€œ, die gezielt Druck auf engagierte Lehrerinnen und Lehrer ausรผben sollen.

Und gleichzeitig gibt es โ€žspรผrbare Unsicherheiten darรผber, was das Neutralitรคtsgebot tatsรคchlich bedeutet und wo die Grenzen professioneller politischer Bildung verlaufen.โ€œ 

Das ist eine toxische Kombination: Druck von auรŸen โ€“ und Unklarheit von innen.

โ€žSammlungenโ€œ und โ€žMeldeportaleโ€œ sind, nรผchtern betrachtet, Instrumente der Beobachtung. In der Praxis wirken sie aber wie ein Verstรคrker: Wer sich engagiert, wer im Unterricht gegen Menschenfeindlichkeit interveniert, wird zum potenziellen Ziel. Und das verรคndert Verhalten โ€“ nicht unbedingt, weil etwas falsch wรคre, sondern weil sich das Risiko plรถtzlich real anfรผhlt.

Das ist der Kern von Einschรผchterung: Es reicht, dass die Mรถglichkeit besteht, โ€žgemeldetโ€œ zu werden. Schon entsteht der Impuls, vorsichtiger zu sein, Konflikte zu vermeiden, Themen zu entschรคrfen โ€“ und am Ende genau jene Diskussionen zu unterlassen, die demokratische Bildung eigentlich braucht. Und selbst, wenn derartige Portale weggeklagt oder Verfahren gegen Lehrer eingestellt werden: Die Einschรผchterung bleibt.

Und es trifft nicht โ€ždie Schuleโ€œ als Institution zuerst. Es trifft einzelne Menschen: Die Lehrkraft im Raum.

Und hier kommt das Neutralitรคtsgebot ins Spiel. Gerade Menschen, die es mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht gut meinen spielen Unsicherheit aus, was Neutralitรคt bedeutet und wo die Grenzen politischer Bildung verlaufen. 

Das ist nicht nur ein juristisches Detail โ€“ das ist ein operatives Problem. Denn Unsicherheit ist eine Angriffsflรคche.

Wenn eine Lehrkraft nicht glasklar weiรŸ, was erlaubt ist, dann ist die Drohung โ€žDas ist politische Einflussnahme!โ€œ plรถtzlich wirksam โ€“ selbst dann, wenn sie unbegrรผndet ist. Neutralitรคt wird dann nicht als Schutzregel verstanden, die Indoktrination verhindert, sondern als Maulkorb, der Haltung verdรคchtig macht.

Die GEW im Landkreis Altenkirchen hat recht: Die Grenze verlรคuft dort, wo politische Bildung in Parteiwerbung oder Indoktrination kippt โ€“ nicht dort, wo Lehrkrรคfte Menschenwรผrde und Demokratie schรผtzen. 

Dabei ist wichtig: Demokratie- und Menschenwรผrdeschutz sind kein โ€žPrivatstandpunktโ€œ, sondern Bestandteil des Auftrags โ€“ und im deutschen Kontext eng mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verbunden.

Die GEW im Landkreis Altenkirchen beschreibt auch den Hebel: โ€žVerunsicherung entsteht zudem dort, wo Vorgesetzte zu wenig sichtbar vorangehen und Rรผckendeckung im Alltag nicht klar genug wird.โ€œ

Wie kann so etwas funktionieren? In vielen Unternehmen wird nach dem Prinzip des Risikomanagements gearbeitet: Die erste Linie arbeitet operativ, zweite Linie berรคt und รผberwacht, dritte Linie prรผft.

Das passt aber nicht in die Welt der Schule.

Eine Schule ist keine Bank und kein Compliance-Apparat. Wenn die Lehrkraft โ€žerste Linieโ€œ ist, dann ist sie nicht irgendeine operative Einheit, die man im Zweifel korrigiert oder nachtrรคglich absichert. Sie steht allein vor einer Lerngruppe, in Echtzeit, mit groรŸem Eskalationspotenzial โ€“ und das ist eine Situation, in der Rรผckendeckung nicht โ€žprozessualโ€œ sein darf, sondern unmittelbar sein muss.

Ein Lippenbekenntnis der Schulleitung, oder des Personalrats, โ€“ โ€žWir stehen an Ihrer Seiteโ€œ โ€“ reicht nicht, wenn es in der konkreten Situation keine sichtbare Handlung gibt. Fรผhrung muss hier mehr sein als Planen, Koordinieren, Kontrollieren. Fรผhrung heiรŸt: Werte vorleben, Konflikte nicht scheuen, Grenzรผberschreitungen adressieren โ€“ und zwar so, dass jeder im Kollegium spรผrt: Ich bin nicht allein.

Die GEW macht im Interview sehr konkrete Vorschlรคge: Teams sollen handlungsfรคhig werden durch gezielte Unterstรผtzungsangebote โ€“ auf Landesebene und durch Fortbildungen und Beratung vor Ort fรผr Bestandskrรคfte, die auf schwierige Elterngesprรคche vorbereiten, Gesprรคchsfรผhrung stรคrken und โ€žklare Grenzen im Sinne des Schulgesetzes, der Verfassung und Grundgesetzโ€œ vermitteln โ€“ โ€žund vor allem zum Schutz der Kinderโ€œ.  Ich wรผrde noch eine รœberprรผfung und ggf. Anpassung der Lehrerausbildung hinzufรผgen, denn Menschen ohne Erfahrung diesen Situationen auszusetzen halte ich fรผr falsch.

Die Wahrnehmung der Angebote halte ich fรผr entscheidend, weil Elternarbeit heute nicht nur Kooperation ist, sondern manchmal auch Konfliktkommunikation unter Druck. Die GEW beschreibt sogar, dass einzelne Eltern in Konfliktgesprรคchen โ€žgeschultโ€œ auftreten kรถnnen: Aussagen werden so formuliert, dass sie als โ€žpolitische Meinungโ€œ erscheinen, ohne greifbare Anhaltspunkte zu liefern. 

Das ist eine rhetorische Strategie: maximaler ร„rger, minimaler Nachweis.

Deshalb braucht es Fortbildungen bzw. angepasste Lehrerausbildung, die nicht nur โ€žHaltungโ€œ predigen, sondern Werkzeuge fรผr derartige Situationen geben: Gesprรคchsfรผhrung, Dokumentation, rechtssichere Abgrenzung โ€“ und Standards, wann Schulleitung รผbernimmt.

Und ja: Auch der Personalrat hat eine wichtige Aufgabe in diesem Konstrukt. Nicht als โ€ždritte Instanzโ€œ, sondern als Teil der Schutzstruktur im Alltag. Wenn z.B. Schulleitung nicht reagiert und ihre Lehrer โ€žim Regen stehenโ€œ lassen sollte so ist es aus meiner Sicht die Aufgabe des Personalrats ihren Kollegen oder ihre Kollegin zu schรผtzen und mehr als nur ein Gesprรคch mit der Schulleitung zu suchen.

Sollte das alles nicht fruchten, dann braucht es ganz pragmatisch die โ€žjuristische Kavallerieโ€œ. Die GEW benennt dabei die verlรคssliche Beratung durch eine Rechtsabteilung auf Landesebene, den direkten Kontakt vor Ort, die Zusammenarbeit mit Personalrรคten โ€“ und Rรผckhalt durch die Gewerkschaftsfamilie, bis hin zum DGB. 

Das sehe ich nicht als Beiwerk. Das ist der Garant, dass Rรผckendeckung nicht im Konjunktiv bleibt.

In der Schule muss Unterstรผtzung simultan sein. Sichtbar. Unmissverstรคndlich.

Wenn der Bildungsminister des Landes RLP Lehrkrรคfte dazu aufruft, die freiheitlich demokratische Grundordnung aktiv zu schรผtzen und einzuschreiten, wenn menschenfeindliche Grenzen รผberschritten werden, dann muss das vor Ort operationalisierbar sein.  Sonst verpufft der Appell โ€“ nicht, weil Lehrkrรคfte feige wรคren, sondern weil Systeme ohne Rรผckhalt Menschen allein lassen.

Lehrkrรคfte dรผrfen in dieser Lage nicht das Gefรผhl haben: โ€žWenn es kracht, bin ich der Blitzableiterโ€œ. Sondern: โ€žWenn es kracht, steht die Institution hinter mir โ€“ Schulleitung, Personalrat, Schultrรคger, Land und auch die jeweilige Gewerkschaftโ€œ. Ein gemeinsamer Schutzraum, der nicht nur Kinder schรผtzt, sondern auch die, die tรคglich dafรผr einstehen โ€“ die Lehrer.

Thorsten Siefert fรผr netkiosk.digital