Autor, Sprecher und Episodenbild
Thorsten Siefert
Technik und Gestaltung
Thorsten Siefert
Episodenbild
Yeal Gabriel Gwyneth Spengler
Es gilt das gesprochene Wort
Kennen Sie das?
So einen kleinen Moment.
Der erst lustig ist.
Und dann nervt er.
Und am Ende bleibt er hรคngen.
Mein Moment verlief so:
Ich saร im Auto.
CarPlay an.
Navigation รผber Apple Karten, klar was sonst.
Ich wollte nach Kรถln.
Dann kam die Staulage.
Groร.
Rot.
Stillstand.
A4 Richtung Kรถln halt.
Also habe ich entschieden: ausweichen.
Ich bin runter von der Strecke.
Und ja.
Ein bisschen โรผber die Felderโ.
Nicht wรถrtlich.
Aber gefรผhlt.
Irgendwann fahre ich รผber den Rather Mauspfad.
Wer die Gegend kennt, weiร: Das ist ein ganz normaler Straรenname.
Fรผr die Auswรคrtigen: Rath ein Kรถlner Ortsteil.
Alles gut.
Und dann sagt CarPlay:
Ich soll auf den โRatherโ Mauspfad fahren.
โRatherโ auf Englisch.
So wie โrather longโ oder โrather shortโ.
Und โMauspfadโ auf Deutsch.
So wie Mauspfad halt.
Ich war kurz komplett raus.
Weil mein Kopf versucht hat, daraus einen Sinn zu machen.
Und weil es so ein typischer Fehler ist.
Nicht schlimm.
Aber stรถrend.
Ein kleiner Riss im Eindruck vom Steve Jobschen โit just worksโ.
Und genau da hat es bei mir wieder Klick gemacht.
Weil ich mich seit langer Zeit jeden Tag รผber Bugs รคrgere.
In iOS.
In iPadOS.
Und besonders in macOS.
Ich nutze diese Gerรคte professionell.
Nicht zum Spielen.
Nicht โmal ebenโ.
Sondern jeden Tag.
Mit Deadlines.
Mit Kunden.
Mit Verantwortung.
Darum kaufe ich auch Highend.
Zum Beispiel ein MacBook Pro mit M-Chip, Max-Klasse. Damit AI auch lokal Spaร macht.
Schnell.
Leistung satt.
Aber auch teuer. Unter 5000 โฌ keine Chance.
Und genau deswegen ist es so frustrierend.
Weil die Apple-Hardware aktuell wieder richtig gut ist.
Apple kann Hardware.
Das war zwischendurch nicht immer so.
Aber inzwischen ist vieles wieder wirklich richtig gut geworden.
Nur: Warum nicht bei der Software?
Warum wirkt es, als wรคre Stabilitรคt ein Nebenprojekt?
Und bevor ich jetzt, wie ein klassischer Mecker-Opa klinge, habe ich etwas gemacht, das ich wichtig finde:
Ich habe mich selbst geprรผft!
Leide ich am Geisterfahrersyndrom?
Bin ich der Einzige, der das so sieht?
Bin ich zu empfindlich?
Zu nostalgisch?
Zu perfektionistisch?
Und dann bin ich auf eine Website gestoรen: bugsappleloves.com.
Der Ton ist sarkastisch.
Die รberschrift ist ein Schlag ins Gesicht aller Apple Manager.
โApple liebt Bugs. Warum sonst wรผrden sie sie so lange behalten?โ
Sinngemรคร.
Dort steht eine Liste an Fehlern.
Viele davon kenne ich.
Nicht aus Foren.
Sondern aus meinem Alltag.
Aus meiner Arbeit.
Aus meinem echten Leben.
Und die Seite macht noch etwas:
Sie rechnet.
Sie versucht, den Schaden sichtbar zu machen.
Zeitverlust.
Produktivitรคt.
Nerven.
Wirtschaftliche Folgen.
Wichtig ist: Die Seite sagt selbst, dass das Satire ist.
Dass die Bugs real sind.
Aber die Zahlen Schรคtzungen sind.
Oder bewusst รผberzeichnet.
Das ist fair.
Nur: Selbst, wenn man die Zahlen ignoriert, bleibt der Kern stehen.
Bugs kosten Zeit.
Jeden Tag.
Und Zeit ist Geld.
Vor allem fรผr Profis.
Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich dieses Thema nicht mehr als โFirst World Problemโ durchgehen lasse.
Denn es geht nicht um Luxus.
Es geht um Werkzeuge.
Wenn mein Werkzeug unzuverlรคssig ist, ist das nicht โverwรถhntโ.
Dann ist das ein Problem.
Stellt euch das mal in anderen Bereichen vor.
Ein Schnittprogramm, das sporadisch Export-Settings vergisst.
Ein Audio-Workflow, der Plugins nach Updates nicht mehr sauber lรคdt.
Ein Finder, der sich bei Netzlaufwerken merkwรผrdig verhรคlt.
Eine Suche, die mal findet und mal nicht.
Fenster, die sich seltsam verhalten.
Synchronisation, die sich totstellt.
Das sind nicht die groรen Crash-Katastrophen.
Das sind die kleinen, zรคhen, wiederkehrenden Dinge.
Langzeitfehler.
Die nie ganz weggehen.
Die einen jeden Tag ein Stรผck Konzentration kosten.
Und Konzentration ist bei Wissensarbeit die eigentliche Wรคhrung.
Was mich daran so irre macht:
Es wirkt nicht wie Unfรคhigkeit.
Es wirkt wie Prioritรคt.
Ich habe das Gefรผhl, Apple steckt in einem Zwang.
In einem Rhythmus.
In einem System, das jedes Jahr neue Features braucht.
Mehr.
Neuer.
Glรคnzender.
Und ja, ich hรถre oft: โDie User wollen das so.โ
Nein.
Wollen sie nicht.
Nicht alle.
Pro-User wollen etwas anderes.
Sie wollen ein Betriebssystem, das sitzt.
Das zuverlรคssig ist.
Das nicht bei jedem Update neue Reibung einfรผhrt.
Sie wollen weniger รberraschungen.
Und mehr Vertrauen.
Natรผrlich gibt es keine Software ohne Fehler.
Das ist mir klar.
Ich bin nicht naiv.
Ich habe auch kein Problem bei neuen Releases bis zum ersten Servicerelease zu warten.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen:
โDa ist ein Bug, das passiert mal.โ
Und:
โDas ist seit Jahren bekannt und nervt jeden Tag.โ
Das ist wie technische Schulden.
Bug-Debt.
Und irgendwann zahlt man Zinsen.
Tรคglich.
Mit Lebenszeit.
Und jetzt die Frage:
Warum hรถrt Apple nicht wieder stรคrker auf die User?
Auf die, die professionell damit arbeiten?
Auf die, die Feedback schreiben?
Auf die, die reproduzierbare Reports liefern?
Auf die, die nicht nur twittern, sondern bei Developer Betas und im Anschluss wirklich melden?
Ich habe darauf keine perfekte Antwort.
Aber ich habe Hypothesen.
Eine ist: Komplexitรคt.
Diese Systeme sind riesig.
iPhone, iPad, Mac, Watch, Vision, Dienste.
Alles greift ineinander.
Jede รnderung zieht Fรคden.
Eine andere ist: Incentives.
Features sind sichtbar.
Bugs fixen ist unsichtbar.
Mit einem neuen Feature kannst du Marketing machen.
Mit โwir haben 300 Kleinigkeiten stabilisiertโ eben nicht so leicht.
Und noch etwas: Geschwindigkeit.
Der Takt ist brutal.
Jedes Jahr.
Mehrere Systeme parallel.
Und dann wundert man sich, dass Dinge liegen bleiben?
Und dann sitze ich da, als jemand, der Apple seit ungefรคhr 30 Jahren nutzt, und frage mich:
Ist das noch mein Zuhause?
Oder bin ich einfach nur Gewohnheitstier?
Gibt es Alternativen?
Windows? Danke. Mir reichen Kundensysteme, an denen ich arbeiten muss und musste. In meinem Unternehmen kommt das nicht auf einen Rechner.
Aber: Linux ist eine.
Definitiv.
Ich mag Open Source.
Ich mag die Idee.
Ich mag die Freiheit.
Aber ich mag auch Apples Hardware.
Und Linux auf Apple-Hardware istโฆ sagen wir: nicht immer ein Spaziergang.
Je nach Gerรคt, Treibern, Stromsparmodi, T2-Chip, Kleinigkeiten.
Und dann gibt es Projekte wie Omarchy.
Eine Distribution bzw. ein Setup, das von David Heinemeier Hansson stammt.
Viele kennen ihn als DHH. Creator von Ruby on Rails und Basecamp. Eine Legende!
Das Ganze basiert auf Arch Linux.
Sehr developer-freundlich.
Sehr klar.
Auf einem meiner alten MacBooks aus 2014 lรคuft das stabil und schnell.
Und das ist wirklich beeindruckend.
Aber: Das ist auch ein Teil des Problems.
Open Source kann genial sein.
Und gleichzeitig fragil.
Was passiert, wenn ein Maintainer keine Lust mehr hat?
Wenn eine Richtung sich รคndert?
Wenn ein Projekt einschlรคft?
Dann heiรt es oft: โDa findet sich schon jemand.โ
Nur: Darauf kann man als Pro nicht planen.
Nicht mit Jobs.
Nicht mit Teams.
Nicht mit Verantwortung.
Das ist der Spagat.
Ich will Stabilitรคt.
Ich will Verlรคsslichkeit.
Und ich will nicht jeden Monat mein Setup neu erfinden.
Und damit sind wir wieder bei Apple.
Weil Apple genau das frรผher mal verstanden hat.
Zumindest gefรผhlt.
Ich denke dabei an Snow Leopard.
An diese Sehnsucht nach einer Version, die sagt:
Keine neuen Spielzeuge.
Keine groรen Umbauten.
Nur: aufrรคumen.
reparieren.
stabilisieren.
Ein Release, das wie ein Techniker arbeitet.
Nicht wie ein Produktmanager.
Mein Wunsch ist simpel.
Und wahrscheinlich naiv.
Aber ich sage ihn trotzdem:
Apple, gib uns Pro-Usern wieder ein Jahr.
Oder ein Release.
Oder meinetwegen zwei.
In dem ihr nicht neue Features stapelt.
Sondern Bugs abtragt.
Ein macOS, das langweilig ist.
Im besten Sinn.
Ein iOS, das unauffรคllig ist.
Ein iPadOS, dass nicht stรคndig kleine รberraschungen hat.
Denn das wรคre der Luxus, den ich wirklich will.
Nicht ein neues Icon.
Nicht eine neue Animation.
Nicht noch eine โintelligenteโ Funktion.
Sondern Ruhe.
Verlรคsslichkeit.
Vertrauen.
Und ja.
Das wรคre mein feuchter Traum heiรer Nรคchte.
Vielleicht bin ich damit nicht allein.
Vielleicht bin ich einfach alt geworden.
Oder einfach professionell.
Und vielleicht fรคngt es manchmal mit einem kleinen Satz im Auto an.
Mit einem โRather Mauspfadโ.
Und dem Gefรผhl:
Da ist etwas verrutscht!
Thorsten Siefert fรผr netkiosk.digital.


