Autor und Sprecher
Yeal Gabriel Spengler
Technik und Gestaltung
Thorsten Siefert
Mein Leben lang habe mich darüber gewundert. Und ich hätte es längst wissen und verstanden haben können. Aber anstatt im Rahmen meines Studiums den Dingen nachzugehen, die mich wirklich interessieren, habe ich den Anforderungskatalog in Richtung Staatsexamen abgearbeitet. Hin und wieder gönnte ich mir einen Interessenszwischenstopp in den Erziehungswissenschaften und der Psychologie. Ich studierte eher unwillig und vor allen Dingen über einen quälend langen Zeitraum. Unerwartet erfolgreich schloss ich es dann mein Studium, anschließend mein Referendariat mehr zufällig und fast ungewollt ab.
Heute denke ich: Hätte ich doch etwas anderes studiert, irgendwie scheine ich mehr in die Sozialwissenschaften zu passen. Warum funktioniert unsere Gesellschaft wie, wer steht warum wo, wer definiert sich als was, woher stammen die dazugehörigen Legimitationen. Aber ich bin dem Wesen nach kein Akademiker. Ein solcher zeichnet sich vor allem durch nachhaltiges, gründliches Arbeiten aus. Dieses Verhaltensmuster zeige ich nur, wenn mich etwas wirklich ganz und gar interessiert. Oder wenn ich jemanden unterstützen kann, mein Engagement also einen sozialen Wert hat. Für mich selbst und um der Erkenntnis willen nehme ich nur selten ein Buch, einen Artikel zur Hand. Lange Vorrede.
Diesmal musste ich nachlesen und ich befinde mich auch noch in einem Prozess, mehr Lektüre als ich mag, mag notwendig sein. Heute möchte ich erzählen, wie ich in den folgenden Gedankenstrom geriet: Wonach sortiert sich unsere Gesellschaft, welche Gruppen finden sich wie zusammen, wie und wodurch differenzieren sie sich? Diese Frage stelle ich mir, je älter ich werde, immer öfter. Dass das alte Schichtenmodell und die Einordnung der Menschen nach ihrer ökonomischen Ausstattung nicht ausreichen, um die Gesellschaft zu beschreiben, ist mir klar. Und hätte ich Bourdieu gelesen, wüsste ich, dass vieles komplexer ist und doch seine Theorien in Grundzügen das bestätigen, was ich schon längst denke.
Mein Interesse, es lässt sich biographisch erklären. Ich bin aufgewachsen in einem Spannungsverhältnis zwischen Bildungsbürgertum und gleichzeitig nah an dem Milieu, dass man das der einfachen Leute nennen mag. Dieser Gruppe fühle ich mich heute mehr denn je zugehörig. Und der Begriff „einfach“, er ist nicht diskriminierend gemeint. Ich würde ihn mit „klar“ übersetzen wollen: Klar in ihren Ansichten, in ihren Äußerungen, ausgestattet mit einer robusten und belastbaren Sprache, unprätentiös, entspannt, offen gegenüber allen, die ihnen offen begegnen – das sind sie, die sogenannten einfachen Leute. Es bedarf keines besonderen Verhaltenskodexes, keiner gruppen-spezifischen Regeln. Mit ihnen zu sein fühlt sich an, wie zuhause zu sein.
Dem diametral entgegengesetzt das Bürgertum, besonders die Variante mit Bildung im nominalen Vorbau. Was man wissen muss, wie man sich verhalten muss, mit wem man wie verkehrt, mit wem auf keinen Fall, welchen Grad an Bildung man bitte schön haben mag, wie man öffentlich auftritt, was gesagt werden darf, in welchem Ton mit einem zu sprechen ist. Und natürlich wird all dies und noch viel mehr in den eigenen Offspring hineinerzogen, sodass die sozialen Verhältnisse gar wundervoll kopiert werden können. Dabei bleibt man gerne ungestört.
Schichtenmobilität wird nach außen hin bejaht, dann aber mögen sich die sozialen Aufsteiger auch an den Werten und Normen des Bildungsbürgertums orientieren. Nur dann, das ist gewiss, können sie sich auch nur in diesem Umfeld bewegen. Jede kleine Unsicherheit fällt auf, jede Übertretung des ethischen Selbstverständnisses führt zur unmittelbaren sozialen Distanzierung. Man möchte unter sich bleiben.
So war es auch bei uns. „Wir machen uns mit den anderen nicht gemein“, pflegte meine Großmutter zu sagen. Meine Mutter ist die Einzige in dieser bildungsbürgerlichen Unwohlseinssippe, die sich um all dies nie gekümmert hat und einfach tat, was sie wollte, weil sie es eben konnte. Erziehungswirksam war sie nie, das hatte meine Oma übernommen, weshalb ich bildhaft gesprochen mit jedem meiner Beine in einem anderen sozialen Raum verortet bin.
Dass das Bildungsbürgertum mir fremd, gar wesensfremd ist, das habe ich ja bereits deutlich gemacht. Seine Verhaltensmuster, die verwendete Sprache, die Blicke sind kodiert, unterhalb dieser Schicht bleiben sie vollkommen unverständlich. Man riegelt nach unten hin ab. Und man spricht über die anderen auf eine Art und Weise, die eine ständige Distanzierung und Missbilligung erkennen lässt.
Erschreckend ist, dass ein Großteil unserer Bildungseinrichtungen von den Werten und Normen vornehmlich dieser sozialen Gruppe gelenkt und gesteuert wird. Konfrontationen sind damit vorprogrammiert. Denn wie sollen jene, die in einer anderen Welt leben und aufwachsen, verstehen und einordnen, was hier gesagt und erwartet wird. Woher sollen sie es bitte wissen? Man hat dies und das zu tun und das hat so und so zu sein. Warum soll man das überhaupt akzeptieren? Zuhause und bei den Freunden und Bekannten ist es doch ganz anders. Ganz, ganz anders.
Wenn wir das intuitiv alles wissen – und das Bildungsbürgertum könnte ja ohne Probleme bei Bourdieu nachlesen, ich werde es gegen meine Gewohnheit in den nächsten Wochen wohl tun müssen – dann könnte es ja einmal darüber reflektieren, ob seine Selbst- und Fremdwahrnehmung und der daraus hervorgehende Habitus noch so zeitgemäß ist. Wir erleben im Moment einen technischen Wandel mit einer enormen Geschwindigkeit. Dies wirkt auch auf unsere innergesellschaftliche soziale Differenzierung aus. Ganz andere Gruppen steigen jetzt und in den nächsten Jahren sozial auf, wo bleibt da das unfassbar unflexible Bildungsbürgertum? Und wäre es nicht an ihm aufgrund seiner Vorteilsstellung bei der Neuzusammensetzung unserer sozialen Welt aktiv gestaltend mitzuwirken, helfen Inklusionseffekte zu entfalten und Differenzierungsmauern etwas abzuschleifen. Ich rege an, dass die Damen und Herren darüber in ihren Zirkeln sinnieren. Derweil bleibe ich dort, wo ich bin, in sicherem Abstand zu ihnen, gerade soweit entfernt, dass sie meine Stimme hören können.


