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Wo Meinungen aufeinander treffen

Die Telefon-AU

Episondenbild "Telefon-AU"

Autor und Sprecher

Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

Die ร„uรŸerung eines Bundeskanzlers und die Reaktionen darauf. Merz stellte letzten Freitag Fragen: โ€žIst das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?โ€œ Der Bezug: Zahlen des statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Arbeitnehmer im Land durchschnittlich 14,5 Tage im Jahr krank sind. Den Schuldigen dafรผr sieht der Regierungschef vor allem in der Mรถglichkeit zur telefonischen Krankschreibung. 

In die Welt gekommen ist diese mit Corona im Jahr 2021. Arztpraxen sollten so entlastet, Infektionsrisiken beim Arztbesuch eingedรคmmt werden. Nach der Pandemie, in der sie ein probates Verfahren war, wurde sie im Dezember 2023 zur Regel. 

Ich musste nachschauen. 22. September 2024 – ein positiver Coronatest. Die ganze Pandemie hatte ich nicht geimpft durchgestanden, dann hatte es mich doch erwischt. Am Folgetag ein Anruf beim Arzt: Ich erfuhr, dass ich gar nicht dorthin musste, um mich untersuchen zu lassen. Fรผnf Tage am Stรผck wurde ich – gemรครŸ der Regelung, die heute noch gilt – telefonisch krank geschrieben. Fรผr die Verlรคngerung – auch das hat sich nicht geรคndert, musste ich dann in die Praxis. Und verlรคngert werden musste meine AU mehrmals. So ganz ohne Immunisierung war die Erkrankung ausgesprochen anstrengend und hartnรคckig.

Seitdem ist diese Art der Krankschreibung – รผbrigens auch, wenn ein Kind erkrankt ist – Praxis im Land. Nun also fordert Kanzler Merz die Regelung zu รผberdenken. Alle mรผssten, so Merz, eine hรถhere volkswirtschaftliche Leistung erreichen, als es gegenwรคrtig der Fall sei.

Gegenwind kam aus unterschiedlichen Richtungen. Janis Ehling ist Bundesgeschรคftsfรผhrer der Linken. Er verwies auf stetige รœberlastung, Personalmangel und krankmachende Arbeitsbedingungen, die ursรคchlich fรผr den Krankenstand seien. 

Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenรคrztlichen Vereinigung hingegen pflichtete dem Kanzler bei. Der Krankenstand in Deutschland sei im internationalen Vergleich sehr hoch. Die telefonische Krankschreibung, sie lade zum Missbrauch ein. Eine Beurteilung der Arbeitsfรคhigkeit sei aus der Ferne nicht zuverlรคssig mรถglich. Darรผber hinaus รคuรŸerte Gassen gegenรผber dem Tagesspiegel, dass auch eine Pflicht zur AU ab dem ersten Krankheitstag einzufรผhren sei.

Arbeitgeberprรคsident Dulger verwies Anfang 2025 auf einen Zusammenhang zwischen Lohnfortzahlung und Fehlzeiten. Er berief sich dabei auf internationale Erfahrungen und thematisierte die Einfรผhrung von Karenztagen. Diese wรผrden dazu fรผhren, dass die Lohnfortzahlung nicht mit dem ersten Krankheitstag beginnt.

Und die Fakten? Tatsรคchlich sind Arbeitnehmer im Vergleich zu 2021 bezogen auf Werte aus dem Jahr 2024 3,6 Tage lรคnger krank. Diese Erhรถhung schreibt das Statistische Bundesamt vor allem der Einfรผhrung der elektronischen Arbeitsunfรคhigkeitsbescheinigungen zu. Die wรผrden Krankmeldungen vollstรคndiger erfassen. ร„hnlich klingen die Folgerungen der AOK, die Anfang 2025 eine Studie zum Thema vorlegte und sich danach systematischer Missbrauch nicht ableiten lieรŸe.

Was ist also geboten? Die Pandemie liegt weit hinter uns. Bei Erkรคltungskrankheiten sind wir davor auch zum Arzt gegangen. Heute kรถnnen wir uns und andere nach den Erfahrungen mit Corona einfach mit einer Maske schรผtzen. Einen wirklichen Grund die telefonische Krankschreibung aufrechtzuerhalten sehe ich nicht. Die Lohnfortzahlung spรคter einsetzen zu lassen finde ich problematisch, da diejenigen bestraft werden, die tatsรคchlich nicht zur Arbeit kรถnnen. Und das dรผrfte die Mehrzahl der Menschen sein, die sich um eine AU bemรผhen. Tatsรคchlich sollte man aber vielleicht darรผber nachdenken, dass bereits am 1. Tag einer Erkrankung eine Krankmeldung vorliegen sollte, auch wenn das ggf. einen zusรคtzlichen Ansturm auf die Praxen auslรถsen kรถnnte. Sicher ist: Wer der Arbeit fernbleiben mรถchte ohne krank zu sein, dem wird das immer gelingen. Aber vielleicht sollte man es denjenigen nicht allzu einfach machen. 

Yael Gabriel Gwyneth Spengler, Radio 3 fรผr netkiosk.digital