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Autor, Sprecher und Episodenbild
Yeal Gabriel Gwyneth Spengler
Technik und Gestaltung
Thorsten Siefert
Die Forschungsfrage lautete vereinfacht: “In welchem Umfang ist der Umgang von Behörden und anderen staatlichen Einrichtungen mit Menschen von ihrer Herkunft, ihrer Ethnie, ihren Sprachkenntnissen abhängig?” Die Antwort darauf, die Wissenschaftler der Universität Leipzig als Ergebnis der mehrjährigen InRa Studie “Institutionen und Rassismus” jetzt veröffentlichten, ist wenig überraschend: Rassismus, so heißt es in der Pressemitteilung der Uni, zeige sich selten in offenen Anfeindungen. Er stecke in Routinen, in Entscheidungsspielräumen, im Klima einer Organisation.
Genauer untersucht wurden Jobcenter, Ausländerbehörden, die Polizei, Justiz, Gesundheits-, Jugend- und Ordnungsämter sowie Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Überall ist – freilich in unterschiedlichem Maße – Rassismus nachweisbar. Befragungen zeigten, dass der Umfang des Rassismus im Vergleich zu der Bevölkerung des Landes nicht erhöht ist, sondern diesem entspricht.
Wichtig zu wissen ist, dass die Studie keine Stichprobe war. Es handelt sich um eine mehrjährige Untersuchung, bei der das gesamte Methodenspektrum der Sozial- und Geisteswissenschaften eingesetzt wurde. Das Ergebnis ist also zuverlässiger als das jeder Einzelstudie. Und es ist ernüchternd, wenn auch wenig überraschend.
Rassismus in Behörden zeigt sich in unterschiedlicher Form, zum Beispiel in persönlichen Haltungen von Mitarbeitern, in behördlichen Vorgehensweisen und Verfahren, im Umgang mit Ermessensspielräumen und Beschwerden. Die Forschenden stellen heraus, dass eine wichtige Schutzlücke – Bürger:Innen können sich bei der Diskriminierung durch Behörden nicht auf das zentrale Antidiskriminierungsgesetz berufen – es schwer macht, sich gegen behördlichen Rassismus zu wehren.
Sprachbarrieren stellen ein Diskriminierungsrisiko da. Das Verhalten der Behörden zeigt im Umgang mit nicht Deutsch sprechenden Menschen eine bedenkliche Bandbreite. Es reicht von proaktiver Hilfe bis zur Abweisung, auch mit dem Verweis auf fehlende Deutschkenntnisse. Je nach Region im Land präsentiert sich Rassismus in unterschiedlichem Umfange in öffentlichen Einrichtungen.
Und die Betroffenen? 80 Prozent online befragter Muslim:Innen haben schon einmal die Erfahrung einer rassistischen Diskriminierung durch eine Behörde machen müssen, zwischen 40 und 50 Prozent haben schlechte Erfahrungen mit Jobcentern, Sozial- und Ausländerbehörden gemacht. Die Folgen sind fatal und reichen von Versagensängsten und Selbstzweifeln bis zu Angstzuständen bei den Befragten.
Rassismus in der Bundesrepublik ist allgegenwärtig. Erfahrungen damit konnte ich – wenn auch nur als indirekt Betroffener als Teil eines multikulturellen Familienverbandes – bereits in Kindheit und Jugend machen. Und auch dadurch, dass ich einen großen Teil meiner Kindheit und Schulzeit mit Menschen aus anderen Ländern verbracht habe, aus Kurdistan, der Türkei oder auch Griechenland.
Ich habe das Gefühl, dass sich in Sachen Rassismus nichts geändert, dieser eher zugenommen hat. Wenn ich für unterschiedliche Menschen aus anderen Ländern mit Behörden Kontakt habe, etwas versuche für sie zu erreichen, mache ich heute unterschiedliche Erfahrungen. Meist verlaufen die Gespräche freundlich, zügig und mit gutem Ergebnis. Das sollte die Regel sein.
Eines allerdings muss man dabei bedenken: Ich trete ja hier als Deutscher auf, der stellvertretend für Menschen aus anderen Ländern eine Angelegenheit zu erledigen versucht. Ich spreche fließend die Landessprache und kann das jeweilige Problem sowie mögliche Fragen klar formulieren. Aber auch ich musste vereinzelt die Erfahrung bei solchen Behördenkontakten machen, dass man mir mit Unverständnis oder einem zumindest merkwürdigen Unterton begegnet ist.
Die Bundesrepublik präsentiert sich für mich mehr denn je als ausländerfeindlich. Was Menschen aus anderen Ländern hier alltäglich erleben, wie sie zum Teil behandelt werden, was ihnen entgegenschlägt, weil sie die Sprache nicht oder nicht vollständig beherrschen, ist unerhört. Ganz offenbar tut sich das Land zunehmend schwer mit allen, die nicht so sind, wie alle doch bitte sein sollen. Die Bundesrepublik ist mehr denn je davon entfernt, eine offene, liberale multikulturelle Gesellschaft zu sein.


