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Wo Meinungen aufeinander treffen

Von der Wehrpflicht

Mein Leben gehรถrt mir: Warum ich nicht tรถte und nicht in den Krieg gehe.

Autor und Sprecher

Yeal Gabriel Spengler

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

Es gilt das gesprochene Wort.

Mein Leben gehรถrt mir. Es gehรถrt keinem Staat, keinem politischem System oder gar einer Religion. Es gehรถrt nichts Menschgemachtem. Es gehรถrt mir und ich allein bestimme darรผber. Darรผber wie ich es gestalte, darรผber wie es enden wird. Das ist meine Vorstellung von Freiheit. Und wenn man รผber meine Haltung nachdenkt, wirkt all das wie Luxus.

Denn unzรคhlige Menschenleben wurden und werden jeden Tag zerstรถrt. Kriege, gefรคhrliche Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Sklaverei und vieles mehr. Sie kosten Leben. Leben von Kindern, von Jugendlichen, Erwachsenen oder Alten. Diese Leben werden ihnen einfach genommen, schleichend oder plรถtzlich und unmittelbar. Von anderen Menschen mit ihren ganz eigenen, meist politischen, aber doch mehr wirtschaftlichen Interessen.

Unlรคngst hat der Deutsche Bundestag beschlossen, eine Vorstufe zur Wehrpflicht einzufรผhren. Junge Mรคnner, fรผr Frauen ist dies freiwillig auch mรถglich, mรผssen eine Frage beantworten: Sind sie zum Dienst mit der Waffe bereit? Gemustert werden die Jungen dann auch. Zur Bundeswehr muss zunรคchst nur, wer es mรถchte, zunรคchst.

Ist es legitim, dass ein Land von seiner Bevรถlkerung verlangt in den Krieg zu ziehen? Das ist eine grundsรคtzliche Frage. Und meine Antwort ist offensichtlich: Kein Land, kein politisches System kann von mir verlangen oder erwarten, mein Leben dafรผr aufs Spiel zu setzen. Keine Ideologie, keine Ideale, fรผr die ich zu tรถten oder zu sterben bereit bin. In gar keinem Fall. Nennen Sie mich einen Egoisten, einen Unsolidarischen, einen gar Asozialen. In diesem Zusammenhang kann und will ich Ihnen nicht widersprechen.

Einzufรผgen ist: Hier schreibt jemand, der 20 Monate Zivildienst geleistet hat, behinderte Menschen auf Urlauben begleitet und unterstรผtzt hat, jemandem nach einem Arbeitsunfall im Rahmen der Individuellen Schwerstbehindertenbetreuung dabei geholfen hat, langsam einen Weg zurรผck ins Leben zurรผckzufinden. Und es ist dieses solidarische Unterstรผtzen und Begleiten von Menschen, die in herausfordernden Lebenssituationen sind, das mir bis heute zu eigen ist und mein Leben immer wieder bestimmt, im Beruflichen, im Privaten. Ich bin ganz sicher kein guter Mensch, schon gar kein Gutmensch, รผberhaupt und wirklich nicht. Aber ich war und bin immer bereit, fรผr meine Mitmenschen, damit fรผr diese Gesellschaft und fรผr das demokratische freiheitliche politische System der Bundesrepublik ein- und bereitzustehen. Denn nur wenn wir fรผreinander da sind, kรถnnen wir eine Gemeinschaft sein, eine Gesellschaft, die zusammenhรคlt.

Dennoch gibt es eben eine Grenze: Mein Leben gehรถrt mir. Und es anderen zu nehmen ist undenkbar, denn was ich fรผr mich einfordere, fordere ich auch fรผr sie. Es lassen sich unzรคhlige Situationen anfรผhren, die zeigen, wie unmรถglich meine Haltung sein mag. Zum Beispiel: Die Befreiung vom Hitler-Faschismus, ohne Krieg undenkbar. Zu sagen, ich wรคre nicht bereit gewesen zu kรคmpfen, kann verstanden werden als eine Beleidigung derer, die ihr Leben in diesem Kampf verloren haben, fรผr die Freiheit kรคmpften. Eine Freiheit, deren NutznieรŸer ich jetzt bin.

Und aus dieser erkรคmpften Freiheit heraus nehme ich mir das Recht, dass die Menschen vor mir nicht hatten, es sich vielleicht aber doch gewรผnscht hรคtten zu haben: Nicht zu kรคmpfen fรผr das eigene Land, nicht zu tรถten, nicht zu sterben. Ich halte das fรผr legitim.

Die schrittweise Wiedereinfรผhrung der Wehrpflicht betrifft junges Leben. Junges Leben soll gelebt werden kรถnnen. Es soll leicht sein, abenteuerlich, frei, mรถglichst unbeschwert. Das ist schon in Friedenszeiten ein hohes Ziel. Soziale Unterschiede und die Benachteiligung von vor allem einkommensschwachen, weniger gebildeten Bevรถlkerungsgruppen machen es ihrem Nachwuchs schon so schwer genug.

Die Angelegenheit wird auch nicht dadurch besser, dass Mitarbeiter der Bundeswehr gezielt in Schulen gehen oder Veranstaltungen finanziell unterstรผtzen, bei denen sie รผber ihren Arbeitgeber und eine mรถgliche Karriere dort informierend sprechen. Diese Praxis gibt es schon sehr lange. Vor dem Hintergrund der Gesetzesรคnderung letzte Woche wird sie noch fragwรผrdiger. Wird aus Information รผber berufliche Chancen dann gezielte Werbung? Wird so versucht werden, eine hรถhere Wehrbereitschaft bei den jungen Leuten herbeizufรผhren? Ein unertrรคglicher Gedanke.

Natรผrlich kann man meine Haltung als dumm, naiv und undurchdacht bezeichnen. Sehr wohl weiรŸ ich im Detail, was man mir entgegenhalten kann. Aber dies ist kein Beitrag im Sinne einer Diskussion. Dies ist ein Standpunkt. Einer, von dem ich nicht abzurรผcken gedenke, der ein Problem nicht differenziert betrachten mรถchte, den ich auch nicht im Ansatz in Frage zu stellen bereit bin. Der amerikanische Dichter Carl Sandburg formulierte im Jahr 1936 diesen Satz: Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Was fรผr eine groรŸartige Idee.