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Wo Meinungen aufeinander treffen

Wenn der Lack erst drauf ist

Autor, Sprecher und Episodenbild

Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

รœberraschend. Ich hรคtte damit nicht gerechnet. Eine kleine Verรคnderung des ร„uรŸeren sorgt dafรผr, dass sich die Wahrnehmung der Umwelt von einer Person nochmal nachhaltig zu รคndern scheint. Festmachen kann man das nur an den Reaktionen der Menschen: Blicke, Kopfschรผtteln, Aufmerksammachen, konsterniertes Staunen, Gaffen, Kopfschรผtteln, dรผmmliches Grinsen, Empรถrung und mehr.

Vor etwa anderthalb Jahren habe ich begonnen mein ร„uรŸeres zu verรคndern. Bunter, vielfรคltiger, weiblicher. Aus einer grauen, schwulen Maus wurde eine ziemlich farbenfrohe, die Aufmerksamkeit auf sich ziehende โ€œmoderne Frau der Zukunftโ€. Im Juli letzten Jahres folgte dann der Wechsel meines Geschlechter-Eintrags. Seitdem bin ich โ€œohne Geschlechtโ€ in der Welt unterwegs.

In einer Gesellschaft, die nach wie vor in allen Lebensbereichen von Mรคnnern dominiert wird, erschien mir dieser Schritt zwangslรคufig und logisch zu sein. Weder mรคnnlich, weiblich, noch divers als Label drรผcken das aus, was mir wichtig ist: Nur in einer Welt, in der Geschlechterbezeichnungen und -zuordnungen keine mehr so hervorragende Rolle spielen wie heute, ist Gleichberechtigung erreichbar. Das scheint mir der richtige, zukunftsweisende Weg zu sein. Und kleiden darf man sich jederzeit und so, wie man sich gerade fรผhlt. Unabhรคngig davon, ob die Natur einen mit einem Pipi oder einer Vagnia oder etwas dazwischen, mรถglicherweise mit gรคnzlich Neuem versehen hat.

Zurรผck zum Outfit. Es ist nicht so einfach, einen Stil zu finden, der zu einem passt. Und wenn ich mir Bilder von mir aus den letzten anderthalb Jahren anschaue, dann staune ich mitunter. Was habe ich alles ausprobiert, neu kombiniert und wieder verworfen. Es hat einen ungeheuren SpaรŸ gemacht, das ist noch heute unverรคndert so. Es haben sich zwei Linien herausgebildet: Der Auftritt der etwas eleganteren, alternden Dame, die ich eher selten austrage, eben dann, wenn ich sie gerade fรผhle. Hรคufiger komme ich als die bunte Alte, bei der auch mal so gar nichts zusammenpassen darf. Mit ihr bin ich am Liebsten in der Welt unterwegs, sie ist ich, ich bin sie, wir sind eine Wohlfรผhlgemeinschaft.

Und die Umwelt: Sie hat sich nach und nach daran gewรถhnt, dass hier jemand Schrilles mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt, รผber den Parkplatz, in die Arztpraxis oder sonst wohin trollt. Manchmal habe ich das Gefรผhl, ich bin nach und nach Teil des โ€œStraรŸenbildesโ€ geworden, immer noch irgendwie anders, aber irgendwie dazugehรถrig. Fรผr einige Mitmenschen zumindest, lรคngst nicht fรผr alle.

Und dann – ich berichtete bereits in einem anderen Beitrag ausfรผhrlich darรผber – wendete ich mich einer weiteren Dimension des โ€œSchmuck-seinsโ€ zu, dem Tragen von mรถglichst auffรคlligem, viel farbigem Nagellack.

Erstaunlich. Dieser von mir prominent in den Gesamtauftritt eingebettete Nagellack scheint einen groรŸen Teil der Umwelt in seiner Wirkung mitunter zu รผberfordern. Diese hatte sich an die bunten Oberteile, einzigartigen Ketten, erstaunlichen Hรผte, frohen Kappen und dazu farblich mehr oder minder abgestimmten Hosen – im Gesamtbild immer eher weiblich betont – offenbar gewรถhnt. Aber knallige Fingernรคgel, dazu noch in unterschiedlichen Farben, das scheint doch etwas zu viel des Zumutbaren fรผr manchen zu sein.

Stellen Sie sich vor, sie werden von ihrem Gegenรผber gescannt. Der Blick – ich finde das urkomisch und komme mitunter aus dem Grinsen nicht heraus – bleibt neuerdings final an den Fingernรคgeln hรคngen. An genau dieser Stelle scheint das Urteil รผber mich noch einmal verstรคrkt zu werden. Aus โ€œunmรถglichโ€ wird ein โ€œziemlich unmรถglichโ€, aus dem โ€œKopfschรผttelnโ€ eine energische Variante desselben. Personen, die sich abwenden, tun dies noch demonstrativer als sonst. Manch einer grummelt einen Kommentar, der leider zu undeutlich ist, um darauf reagieren zu kรถnnen. Aus einem an mir vorbeifahrenden Auto auf einem Parkplatz hรถrte ich unlรคngst Bekundungen des Ekels, lautmalerisch und unรผberhรถrbar vorgetragen.

Und diejenigen, die mich so mรถgen und akzeptieren, wie ich ihnen begegne, sind begeistert. Sie sprechen mich immer wieder an, schenken mir ein Lรคcheln, fragen nach. Nie in meinem Leben zuvor habe ich so viele zufรคllige und erfreuliche Gesprรคche fรผhren dรผrfen wie heute. Gesprรคche mit Menschen, von denen es so viele gibt, die offen sind fรผr Neues, die den anderen so lassen, wie sie oder er oder es eben sind. Menschen, die ihr Gegenรผber nicht tolerieren, sondern selbstverstรคndlich annehmen und akzeptieren. Wie schรถn, dass es sie gibt, wie schรถn, dass es uns gibt.