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Wo Meinungen aufeinander treffen

Wenn die Glocken schweigen und Kinderaugen leuchten

Autor, Sprecher und Episodenbild

Thorsten Siefert

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

Episodenbild : Ortsgemeinde Selbach, um 1900

Es gilt das gesprochene Wort

Hallo und herzlich willkommen zu dieser รถsterlichen Episode.

Ich lebe in Selbach (Sieg).

Einer kleinen Ortsgemeinde in der Verbandsgemeinde Wissen.

Im Norden von Rheinland-Pfalz.

Irgendwo zwischen Kรถln und Siegen.

Ein ruhiger Ort.

Ein mir seit 25 Jahren vertrauter Ort.

Ein Ort mit Herz.

Und ein Ort mit einem Brauch, der mich jedes Jahr aufs Neue bewegt.

Das Osterklappern.

Wenn an den Kartagen die Glocken schweigen, dann wird es bei uns nicht still.

Dann sind es die Kinder, die man hรถrt.

Mit ihren Klappern.

Mit ihrem Rhythmus.

Mit ihrer Freude.

Mitten auf den StraรŸen unseres Dorfes.

Auch in diesem Jahr sind wieder Kinder losgezogen.

Begleitet von Erwachsenen.

Gemeinsam.

Schritt fรผr Schritt.

Klappern fรผr Klappern.

Ein altes Zeichen.

Ein alter Klang.

Und doch jedes Jahr wieder ganz lebendig.

Heute bin ich mit dem Auto an ihnen vorbeigefahren.

An den Kindern.

An ihren Begleitern.

Und ich habe in diese leuchtenden Augen geschaut.

Das war so ein Moment, der einen nicht loslรคsst.

Da war Freude.

Echte Freude.

Da war Stolz.

Da war Aufregung.

Und da war dieses wunderbare Gefรผhl, dass etwas weiterlebt.

Nicht einfach in Bรผchern.

Nicht in Erzรคhlungen allein.

Sondern genau hier.

Auf unseren StraรŸen.

In unseren Familien.

In unseren Kindern.

Ich glaube, genau das hat mich so berรผhrt.

Denn wir leben in einer Zeit, in der vieles schnell vergeht.

Vieles wird ersetzt.

Vieles wird einfach vergessen.

Aber dann gibt es diese Augenblicke.

Diese einfachen.

Diese still groรŸen.

Kinder gehen los.

Erwachsene gehen mit.

Das Dorf hรถrt hin.

Und fรผr einen Moment spรผrt man ganz deutlich:

Tradition muss nichts Verstaubtes sein.

Tradition kann etwas Lebendiges sein.

Etwas, das von Herz zu Herz weitergegeben wird.

Das Osterklappern ist bei uns nicht nur ein Brauch.

Es ist Erinnerung.

Es ist Gemeinschaft.

Es ist ein Stรผck Heimat.

โ€žHeimatโ€œ in Deutschland ein ambivalenter Begriff.

Fรผr viele klingt er warm, nah und persรถnlich.

Fรผr viele andere ist er historisch und politisch belastet.

Schwierig wird der Begriff auch, weil er oft nicht nur Zugehรถrigkeit beschreibt, sondern Grenzen zieht.

Ich tue mich daher mit dem Begriff โ€žHeimatโ€œ schon seit Kinderzeiten schwer.

Unsere Autorin Yael Gabriel Gwynnyth Spengler lehnt den Begriff vรถllig ab.

Aber vielleicht ist Heimat manchmal genau das:

Ein Klang, den man seit langem kennt.

Ein Weg durchs Dorf.

Ein alter Brauch.

Und Kinder, die ihn mit leuchtenden Augen in die Zukunft tragen.

Mich bewegt das Gerรคusch der Klappern.

Weil er so viel erzรคhlt.

Ohne groรŸe Worte.

Er erzรคhlt davon, dass nicht alles verloren geht.

Er erzรคhlt davon, dass Gemeinschaft noch da ist.

Er erzรคhlt davon, dass Tradition dann weiterlebt, wenn Menschen sie fortfรผhren.

Und genau das konnte man heute sehen.

In jedem Schritt.

In jedem Blick.

In jedem Klappern.

Ich finde es wunderschรถn, dass sich so ein Brauch gehalten hat.

Und noch schรถner finde ich, dass er weitergetragen wird.

Selbach ist vielleicht ein kleiner Ort.

Aber in solchen Momenten zeigt sich, wie groรŸ ein kleines Dorf sein kann.

Nicht ausgrenzend, sondern verbindend durch ein Gerรคusch.

Ein richtiges Stรผck Heimat.

Thorsten Siefert fรผr netkiosk.digital